Aus der Rubrik: in der Kindheit fängt es an…

Sven hat eine sehr gute Zusammenfassung darüber geschrieben, wie oft auf Hinweise reagiert wird. Also wenn man die schlechte Kindheitserfahrungen von Tätern jedweder Art erwähnt….ich kann nur alles bestätigen, was er schreibt.

Aber angesichts der massiven Gewalt, ist mehr als an der Zeit, sich mit den Ursachen zu befassen, denn nur wenn man die Ursachen erfasst, kann man dagegen vorgehen….sozusagen das Übel bei der Wurzel packen und elimieren….klar geht das nicht von heute auf morgen, es wird elendig lange dauern, aber es lohnt, damit unsere Enkel, Urenkel, Ururururururenkel einmal in einer Welt in Frieden und Gewaltlosigkeit leben können.

Das Schweigen und die Kritik: Banale Erkenntnisse und Gedankenspiele für ein komplexeres Verständnis der Ursachen von Gewalt

Posted: 23 Feb 2017 04:14 AM PST

Über das nachfolgende Thema habe ich schon hier und da Texte im Blog geschrieben. Aktuell ist es mir ein Bedürfnis, dazu noch einmal aus meiner aktuellen Sicht heraus etwas systematischer und weiter auszuholen.

Wer versucht, auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen destruktiven Kindheitserfahrungen und destruktiver Politik, Terror, Krieg, Gewaltverhalten hinzuweisen wird i.d.R. folgende Reaktionen kennen:

  • Gar keine Reaktion / Schweigen (die häufigste Reaktion!)
  • Ablenkung und Überleitung zu einem anderen Thema (gerade bei Onlinediskussionen wird man dann mit Beiträgen zu anderen Themengebieten, Fragen, die in eine ganz andere Richtung gehen usw. „bombardiert“ oder es werden geschickt Vorwürfe in den Raum gestellt, auf die man antworten muss und dadurch schnell weg vom eigentlichen Thema ist)
  • Massive Kritik, die teils deutlich irrational daherkommt oder persönlich wird
  • Hinweis darauf, dass die meisten als Kind misshandelten Menschen keine Mörder, Gewalttäter, Terroristen oder Kriegstreiber werden.
  • Hinweis darauf, dass man Mörder/Gewalttäter nicht entschuldigen solle oder angeblich automatisch entschuldigen würde, wenn man sich mit ihrer Kindheit und traumatischen Erfahrungen befassen würde
  • Hinweis darauf, dass es „das Böse“ gibt. Punkt.
  • Hinweis darauf, dass auch als Kind geliebte Menschen Mörder und Terroristen werden könnten bzw. dass nicht alle Gewalttäter eine schlechte Kindheit hatten
  • Vorwurf, es würde keine serösen Studien geben, die etwas in der Richtung belegen (ich selbst habe schon erlebt, dass mir von – eigentlich intelligenten – Menschen vorgeworfen wurde, ich würde absolut unhaltbare, gar unseriöse Studien nutzen. Dabei zitierte ich in der Diskussion Studien vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) oder bezog mich auf Biografien von anerkannten Historikern über Diktatoren….)
  • Hinweis, dass der Blick auf die Kindheit stark vereinfachend wäre und komplexe andere Einflussfaktoren ausblenden würde
  • Ich habe auch erlebt, dass Gewalt gegen Kinder (vor allem körperliche) schädliche Folgen aberkannt wurden, nach dem klassischen Motto: „So etwas hat doch noch keinem geschadet“…. Bei dieser Einstellung ist grundsätzlich jegliche kostruktive Diskussion fast unmöglich. Erstaunlicher Weise habe ich auch eine Art „Mischform“ dieser Kritik erlebt nach dem Motto: „Ja, Kindesmisshandlung schädigt und bzgl. Folgen wie Drogenkonsum, Depressionen usw. erkenne ich die Zusammenhänge an, aber bzgl. Gewalttätern, Kriegen und Terror gibt es andere, komplexere Ursachen. Punkt.“
  • Ein weiteres Problem scheint mir zu sein, wenn Menschen stark in Weltbildern denken. Dies ist mir persönlich vor allem bzgl. Feministinnen wie auch stark links-intellektueller Denkrichtungen aufgefallen. Erstere stemmen sich (berechtigt) gegen Männermacht, Frauenunterdrückung, Ungleichheit usw. und wenn dann jemand kommt und auf die Opfererfahrungen bzw. die Ohnmacht von männlichen Tätern hinweist, dann „stört“ dies das eigene Erklärungsmodell für Gewalt (ergänzend kommen Frauen/Mütter als Täterinnen mit in den Blick, vor allem auch, wenn es um die Kindheit von männlichen Tätern geht. Ein ganz heißes Eisen…). Ebenso störend scheint mir für viele Linke das psychohistorische Denkmodell zu sein, weil die Psychohistorie Wachstum, Fortschritt und Veränderungen als Trigger für Gewalt ansieht, während Linke Ungleichheit, Ausgrenzung, schlechte wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, soziale Rückschritte und Machtgier von Eliten als Gewaltursache verorten. Zudem scheinen so manche Linke die emotionale Welt komplett ausblenden zu wollen, weil ihre Erklärung von der Welt und ihren Konflikten rein rational ist.

Letztlich kann man die Reaktionen auch wie folgt zusammenfassen: Wir wollen das einfach nicht hören und sehen und erst Recht nicht darüber sprechen! Warum ist das so?

1. Sehr viele Menschen haben destruktive Kindheitserfahrungen (vor allem im Elternhaus) gemacht. Das Thema Kindheit und Folgeschäden wie Gewaltverhalten rührt dann zwangsläufig an den eigenen Emotionen/Erfahrungen, die man besser „gedeckelt“ haben möchte. Deshalb betone ich stets, dass eine sich stetig verbessernde Kindererziehungspraxis gepaart mit einem flächendeckenden psychotherapeutischen Angebot für als Kind misshandelte Menschen (zur Aufarbeitung ihrer Geschichte) Stück für Stück dazu beiträgt, dass die Scheuklappen fallen und wir als Gesellschaft offen über das Thema werden reden können.

2. Nicht wenige Menschen waren in ihrem Leben auf die eine oder andere Art Täter. Das Thema rührt also nicht nur an der alten Ohnmacht, sondern auch an selbst missbrauchter Macht und entsprechend verdrängten Schuldgefühlen. Ich persönlich glaube, dass eigenes Täterverhalten noch viel schwerer psychisch aufzuarbeiten ist, als erlebte Opfererfahrungen und insofern das Thema massiv abgewehrt werden muss. (Ab einer gewissen Intensivität/Grausamkeit an Tat glaube ich sogar, dass der entsprechende Mensch quasi verloren ist, dass eine umfassende, echte und nachhaltige emotionale Aufarbeitung der Tat psychisch nicht ertragbar wäre, ohne sich dann selbst umzubringen. Das nur nebenbei.)

3. Viele Menschen werden durch das Thema nicht nur mit eigenen Ohnmachtserfahrungen konfrontiert, sondern verknüpfen die Diskussion um Opfererfahrungen von TäterInnen zwangsläufig auch mit „ihrem“ Täter / „ihrer“ Täterin. Dieser Täter von früher „schwebt“ dann quasi mit über der ganzen Diskussion. Manchmal hatte ich schon das Gefühl innerhalb von Diskussionen, die zumindest schon recht weit gegangen waren, dass entsprechende Diskussionsteilnehmer innerlich schreien: „Ich hasse den Täter, ich will nicht über das nachdenken, was ihm selbst passiert ist und warum er das tat, ich hasse ihn/sie und ich werde mich erst recht nicht damit befassen, was ein Hitler oder sonst wer als Kind erlebt hat.“

Die vorgenannten drei Punkte sind alle samt irrationaler Natur und dadurch schwer aufzubrechen. Es gibt aber in der Tat auch Menschen, die zumindest für rationale Argumente zugänglich sind, aber trotzdem am Anfang der Diskussion erstmal z.B. mit der Standardphrase kommen: „Aber es wurden doch so viele als Kind Opfer und trotzdem wurden sie keine Mörder….“. Bzgl. Argumenten, die solche Menschen zum Nachdenken bringen könnten, habe ich mir viele Gedanken gemacht und darum soll der weitere Text hier gehen. Grundsätzlich glaube ich natürlich an die Vernunft und den gesunden Menschenverstand. Mein Blog an sich ist ein einziger großer Versuch, durch Fakten und Wissen aufzuklären und Scheuklappen abzubauen. Ich bin sicher, dass ein gewisser Teil der Menschen für solche Fakten offen ist, wenn man sie gut und umfassend darstellt. Nun aber weiter im Text…

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Für mich persönlich ist die einfache Erkenntnis, dass Opfererfahrungen Täterverhalten von Grund auf bedingen (können) oder anders gesagt, dass als Kind wirklich geliebte und gewaltfrei erzogene Menschen keine Massenmörder, Vergewaltiger, Terroristen oder Kriegstreiber u.ä. werden im Grunde banal. Trotzdem spricht über diese Dinge selten jemand öffentlich, noch seltener mit deutlichen Worten (Selbst jemand wie Arno Gruen hat in Interviews oder Vorträgen meiner Wahrnehmung nach nicht selten durch sein  Philosophieren und durch seine ihm eigene Ausdrucksweise zu sehr um das Thema herumgeredet und einfache Wörter wie „Kindesmisshandlung“ z.B. selten benutzt. In seinen Werken werden auch keine Studien über das Ausmaß von Kindesmisshandlung benutzt.). Ich fasse jetzt einmal brainstormartig meine persönlichen Erkenntnisse zusammen, die wiederum vielleicht auch geeignet sind, in Diskussionen zu argumentieren:

1.

Wenn ein als Kind misshandelter Mensch später nicht zum Mörder oder Terroristen wird (was an sich eine richtige und banale Erkenntnis ist) heißt dies NICHT, dass dieser Mensch ohne Folgeschäden durch sein Leben geht! Leider reicht es vielen Kritikern in den Raum zu werfen, dass Misshandlungserfahrungen nicht zwangsläufig bei allen Menschen dazu führen, z.B. ein Mörder oder Terrorist zu werden, weswegen andere Einflussfaktoren bei Mordtaten gewichtiger seien. Diese Art von Kritik zeugt meiner Ansicht nach ihrerseits von fehlendem Wissen bzgl. komplexer möglicher Folgeschäden von Kindesmisshandlung wie auch fehlender Fantasie und Vorstellungsvermögen. Dazu gleich mehr. Die Liste möglicher Folgeschäden von Kindesmisshandlung ist derart lang, dass dies fast ein eigener Beitrag wäre. Gewaltverhalten ist nur eine von vielen möglichen Folgeschäden.

2.

Wenn ein als Kind misshandelter Mensch nicht zum Täter einer Kategorie wie „Mörder“ oder „Terrorist“ oder „verurteilter Gewaltstraftäter“ wird, heißt dies nicht, dass er/sie nie zum Täter/Täterin wurde! Das wird oftmals komplett ignoriert in der Diskussion.
Die meisten Menschen (unsere Vorfahren) wurden im historischen Rückblick vom Opfer zum Täter, denn die meisten Menschen haben nachweisbar ihre eigenen Kinder misshandelt, so wie sie es selbst erlitten hatten. Dieser Prozess wurde in Europa erst im Laufe des 20. Jahrhunderts Stück für Stück unterbrochen. In anderen Regionen auf der Welt misshandelt immer noch die Mehrheit der Eltern ihre Kinder, so wie sie es selbst erlitten haben.
Ich selbst habe im Lauf der Zeit unzählige Fallgeschichten gelesen – selten (weil zu belastend) sogar Videos auf youtube von Müttern gesehen, die ihre (Klein-)Kinder misshandelt – die derart grausam und unvorstellbar waren, dass sie im Grunde nur mit dem Wort Folter genauer zu bezeichnen sind. Diese „ganz normalen Menschen“ sprengen sich nicht in die Luft, begehen keine Gräueltaten gegen Minderheiten, ermorden keine Menschen, aber sie sind trotzdem unglaublich grausam und sadistisch, nur im Verborgenen. Hinzu kommen alle erdenklichen Verhaltensweisen von Menschen, die man als Täterverhalten bezeichnen kann (Umweltzerstörung, häusliche Gewalt, ökonomische Ausbeutung und Vernichtung von Lebensgrundlagen, Tierqäulerei, Mobbing, Intrigen usw.) oder sozial legitimiertes, straffreies Täterverhalten in dem man z.B. (Elite)soldat wird.

3.

Der viel größere Zweig an Folgeschäden ist der, der eher mit Selbstzerstörung und Krankheitsbildern zu tun hat. Die meisten als Kind misshandelten Menschen werden nicht zu Mördern etc., aber viele „vernichten“ sich auf die eine oder andere Art selbst, tun sich selbst „Gewalt“ an: Rauchen, Drogen, Suizid, Wählen von gewalttätigen Partnern, Prostitution, Spielsucht, „unbewusstes Suchen von Ohnmachtserfahrungen“, lebensgefährlicher Extremsport, Leben in Einsamkeit und Angst usw. Dazu kommen diverse Krankheitsbilder und Persönlichkeitsstörungen als Folge von Kindesmisshandlung, die in der Fachliteratur ausführlich beschrieben wurden. (Als Paradebeispiel für einen solchen Lebensweg habe ich im Blog die Kindheit von Kurt Cobain analysiert.)

Zu diesen Folgen gehört auch das Erstarren oder Stillhalten oder Mundhalten in Situationen, wo Zivilcourage oder Widerstand gefordert wäre (als Extrembeispiel das Mitläufertum und Stillschweigen in der NS-Zeit). Oder ein anderes Extrembeispiel bzgl. eines Mannes aus dem Iran, der zur anstehenden Präsidentschaftswahl folgendes sagte: „Wir sind gezwungen, auf unseren Führer zu hören. Und wir dürfen auf keinen anderen hören. Es ist wie in einer Familie. Er ist unser Vater, und wir müssen auf unseren Vater hören, auch wenn der Vater falsch liegen sollte.“
Die Ohnmacht, dass sich-Hingeben-in-Ohnmacht, dass bedingungslos sich-der-Macht-unterwerfen, wie man selbst als Kind unterworfen wurde, es ist direkt kein Täterverhalten, aber es bereitet den Boden für Täterverhalten von Machtmenschen, gerade auch im größeren politischen Sinne. Meiner Meinung nach ist diese (kollektive) Ohnmacht oder auch das Opferverhalten sogar gewichtiger bei der Entstehung von Kriegen oder diktatorischen Putschen oder dem jahrzehntelangen Fortbestehen von Diktaturen, als das Täterverhalten (denn die Täter sind meist eine Minderheit).

Ein anderes Beispiel sind Mütter, die selbst als Kind sexuell missbraucht wurden und den Missbrauch durch den Partner an der eigenen Tochter nicht sehen wollen und können und ihr Kind nicht schützen. Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass Studien deutlich erlebte elterliche Gewalt als starken Risikofaktor für spätere Opfererfahrungen in Form von sexueller und/oder häuslicher Gewalt lokalisiert haben. (vgl. z.B. Hellmann, D. F. (2014): Repräsentativbefragung zu Viktimisierungserfahrungen in Deutschland. KFN. S. 114 + 140) Anders ausgedrückt: Wer Opfer von elterlicher Gewalt war, wird mit einer deutlich erhöhten Wahrscheinlichkeit als Erwachsener Opfer von Gewalt. (Opfer-Opfer-Kreislauf)
Ich erinnere mich an einen Mann, der als Kind schwer misshandelt wurde. Er berichtete mir, dass eine wesentliche Folge dieser Misshandlungen für ihn seien, dass er zu keinerlei (vor allem auch verbalen) aggressiven Reaktionen oder Verhaltensweisen in der Lage sei. Er sei immer nett, zurückhaltend und lasse sich vieles gefallen. Von diesem Mann geht keine Gefahr für andere aus, aber er ist auf eine Art eine „Gefahr für sich selbst“, einfach, weil er sich nicht schützen kann, sondern quasi ein „perfektes Opfer“ ist (ohne die Täter entschuldigen zu wollen, die diese psychische Situation erkennen und ausnutzen, versteht sich!).

All diese Gedankenspiele machen die Komplexität deutlich, die Masse an möglichen Folgeschäden durch Kindesmisshandlung und auch Grauzonen und Übergänge zum strafrechtlich relevanten Täterverhalten. Ein Mörder, ein Terrorist, ein Diktator zu werden ist nur eine von vielen Folgeschäden. Die Misshandlungs-/ Ohnmachtsgeschichte der Täter ist der wichtigste Faktor, der ihr Tatverhalten ermöglichte, trotzdem sehr viele einst misshandelte Menschen nicht zu Mördern werden.

4.

Der Vorwurf, dass eine zentrierte Konzentration auf Ohnmachtserfahrungen und Kindheit von Tätern eindimensional/vereinfachend wäre und komplexe andere Einflussfaktoren ausblenden würde, beleidigt regelmäßig meine Intelligenz (den Satz wollte ich schon immer einmal schreiben 🙂 ).

Natürlich lenken unzählige Faktoren die Wege von uns Menschen. Es wäre sehr dumm, dies zu ignorieren. Alleine die Kategorie „Geschlecht“ oder „Gender“ ist bzgl. Täterverhalten ganz wesentlich. Meine Fantasie kennt ansonsten kaum Grenzen bzgl. weiterer Faktoren: Schicht, Milieu, Zeitgeist, Kultur, Intelligenzquotient, Zugang zu Macht, angeborene Charakterstruktur, soziale Umwälzungen, technische Voraussetzungen, persönliche Machtmittel usw.
Und ganz wichtig: Zufall. Zufälle entscheiden sehr viel im Leben. Manchmal trifft man zufällig auf Menschen oder Situationen oder auf eine Umgebung, die einen Wendepunkt markieren. Das kennen wir alle. Der ehemalige IS-Anhänger Ebrahim sagte z.B. folgendes: „Würde ich von einer Rocker-Bande aufgenommen in Jamaika oder in Amerika von Hells Angels oder so was, wäre ich mitgegangen. Ich bin gestolpert und wurde von den falschen Händen aufgenommen.“ Der als Kind schwer misshandelte ehemalige Unterstützer von palästinensischen Terroristen Willi Voss sagte: „Ich war ein verlorener Hund. Einer, der so oft getreten worden war, dass er zurückbeißen wollte, egal wie (…). Hätte ich damals Andreas Baader getroffen, wäre ich vermutlich bei der Roten Armee Fraktion gelandet.“ (siehe hier)
Ein anderer Menschen mit ähnlichen Kindheitshintergründen trifft vielleicht einen Priester und landet im Kloster, wo er sich der Gruppenstruktur und den Ritualen unterordnet und auf seine Art glücklich ist. Er wird kein Terrorist. Dies als angehängtes Gedankenspiel, das man entsprechend weiter spinnen kann.

Zu dieser Kategorie „Zufälle“ gehört für mich auch etwas, was der Kriminalist und Autor Stephan Harbort bzgl. der Genese von Serienmördern als „Schlüsselmoment“ bezeichnet hat, wie z.B. die Beobachtung einer Tierschlachtung (teils in jungen Jahren). Jemand, der vielleicht ähnliche mörderische Potentiale hat, aber andere Erlebnisse macht und entsprechende Schlüsselmomente nicht erlebt, geht dann evtl. andere Wege, als ein Serienmörder zu werden.

Dass äußere Umstände deutlich beeinflussen, ob jemand zum Mörder wird oder nicht, zeigt auch, dass nach 1945 zig tausende Mörder in Deutschland plötzlich zu scheinbar „ganz normalen Bürgern“ wurden und nie wieder jemanden umbrachten. Anderseits machten viele im Verborgenen weiter, z.B. durch die Misshandlung der eigenen Kinder, wo wir wieder beim obigen Punkt 2. sind. Entsprechend ist klar, dass gesellschaftliche Umstände und Strukturen mörderische Potentiale fördern oder auch deckeln können. Die Wirklichkeit ist komplex, aber es ist und bleibt nach- und geradezu fahrlässig, die Kindheitserfahrungen von Tätern ausblenden zu wollen.
Das NS-Regime konnte Bedingungen schaffen, die das Ausleben von Hass und Mordlust normal erscheinen ließ. Das Regime musste aber auf den tief sitzenden Hass zurückgreifen, den die Mehrheit der Menschen seit Kindheitstagen mit sich herumschleppte, denn die meisten um 1900 im Deutschen Reich Geborenen waren einst misshandelte Kinder. Ein Volk, das mehrheitlich aus als Kind geliebten und gewaltfrei Erzogenen besteht, kann – egal durch welche Umstände auch immer – nicht zu einem Weltkrieg oder Genozid „verführt“ werden.

5.

Die Beweislage bzgl. des enormen Einflusses von Kindheitserfahrungen auf menschliches Verhalten ist erdrückend, wie ich finde. In meinem Blog habe ich die letzten Jahre umfassend Studien und Biografien vorgestellt. (siehe z.B. hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier + diverse Biografie- und Länderanalysen; hinzu kommen diverse Studien, die ich gelesen aber die ich im Blog noch gar nicht verarbeitet habe, dabei vor allem auch diverse ACE-Studien (Adverse Childhood Experiences) und Studien mit Strafgefangenen). Es ist erstaunlich, dass all diese Daten und Erkenntnisse immer noch nicht zum Allgemeinwissen gehören und weiterhin nicht beständig in z.B. mediale Analysen von Krieg, Terror und Gewalttaten mit einbezogen werden.

Manche Forschende sind vielleicht auch etwas zurückhaltend, weil natürlich nicht immer zweifelfrei oder wissenschaftlich sauber Misshandlungshintergründe für alle untersuchten Täter festgestellt werden können. Das liegt teils am Aufbau von Studien (wenn z.B. nur körperliche Gewalt erfragt wird) aber natürlich auch oft daran, dass bereits Menschen, die sich nichts zu Schulden haben kommen lassen, nur ungern hinausposaunen, was ihnen alles als Kind passiert ist oder sich teils nicht erinnern können oder wollen. Kindesmisshandlung ist ein sehr schambehaftetes Themenfeld, ergänzend fühlen sich viele Betroffene auch noch schuldig. Erst recht werden Mörder oder gar Terroristen und ihre Familien nicht gerade immer auskunftsfreudig sein. Wir erinnern uns: Kindesmisshandlung ist eines der am besten verborgenen und gehüteten Verbrechen in der Welt.

Letztlich ist es aber so, dass dieses Wissen um Verdrängung, Abspaltung, Scham, Schweigen, Familiengeheimnis usw. bereits Teil des wissenschaftlichen Wissens in der Fachliteratur ist. Insofern verwundert es doch, dass Forschende, die Gewalttäter oder Gewalttätergruppen untersuchen, nicht routinemäßig darauf hinweisen, dass evtl. ein gewisser Teil der Befragten Dinge nicht ausdrücken oder sich nicht erinnern konnten.

Nochmal ein letzter Hinweis auf das „Familiengeheimnis“: Wenn der Täter und seine Mutter und Schwester den Anschein machen, alles wäre gut und normal in der Kindheit des Täters gelaufen, dann heißt dies nicht zwangsläufig, dass dies stimmt. (Man versetze sich auch einmal in die Mutter eines Massenmörders hinein, die weiß, was sie ihrem Kind alles angetan hat. Tritt so eine Frau nach der Tat vor die Presse und sagt umfassend über die Kindheit ihres Sohnes aus?) Dies bezeugte am für mich Eindrücklichsten der Fall Anders Breivik, der entgegen seinen Darstellungen und denen seiner Mutter (die Schwester schwieg sich aus) als Kind komplex misshandelt und vernachlässigt wurde. Dies erfuhren wir nur dank eines psychiatrisch-stationären Aufenthalts von Anders gemeinsam mit seiner Mutter, als Anders vier Jahre alt war. Hätte es diese Begutachtung im Kindesalter nicht gegeben, würden wir heute noch denken, Anders Breivik sei ganz normal aufgewachsen, einzig die Trennung seiner Eltern wäre eine Belastung gewesen.

Ein anderes Beispiel. Gewalttäter werden häufig durch Fragebögen oder in Interviews befragt. Darin sollen sie für sie unbekannte Menschen über Dinge berichten, die sehr intim, schmerzhaft und schambesetzt sein können. Die beiden Schwestern Nancy und Maya Yamout haben im Roumieh-Gefängnis von Beirut 20 verurteilte Terroristen über zwei Jahre lang immer wieder besucht, befragt und so ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Erst so konnten sich diese Täter öffnen. Alle 20 kamen aus extrem destruktiven Elternhäusern.

Der Neurologe Jonathan H. Pincus ist ähnlich vorgegangen und hat jahrelang mit Mörder, Serienmörder und Massenmörder in diversen amerikanischen Hochsicherheits-Gefängnissen gearbeitet und diese – wie auch ihre Familien und Anwälte – befragt und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut (insgesamt über 150 Mörder). Pincus berichtet, dass von allen Gewalttätern und Mördern, die er befragt hat, anfänglich zwei Drittel (!!) sagten, dass sie keine Kindesmisshandlung erlebt hätten. Wenn er diese Fälle nicht weiter untersucht hätte, so Pincus, wäre er wohl nicht darauf gekommen, dass Misshandlungserfahrungen besonders weit unter Gewalttätern verbreitet sind. Er erklärt sich die ersten Antworten der Befragten damit, dass viele sich nicht an die erlebte Gewalt  erinnern können (oder wollen) und zusätzlich auch weiterhin Angst haben, darüber zu sprechen. Häufigen und langjährigen körperlichen und sexuellen Missbrauch durch Elternteile oder Elternfiguren fand Pincus schließlich dank seiner langen Arbeit mit den Tätern bei den meisten von ihm untersuchten Mördern, was er wie folgt zusammenfasst: It has been amazing to discover that the quality and the amount of `discipline` these individuals have experienced are more like that of a prisoner in a concentration camp than a child at home.“

Ähnliches berichtet der in den USA inhaftierte Jens Söring direkt aus dem Gefängnis. Viele Gefangene würden Gefängnispsychologen misstrauen und sich nicht öffnen. Er selbst hat viele Mörder kennengelernt und viele persönliche Gespräche mit ihnen geführt. Er schreibt: „Jeder Gefangene, mit dem ich etwas befreundet war, wurde als Kind sexuell oder körperlich misshandelt. Jeder, ohne Ausnahme, in (fast) 25 Jahren!

Nun kann man dem entgegnen, dass ich es mir dabei leicht machen würde. Wenn keine Misshandlungshintergründe bei Tätern gefunden würden, wird halt verdrängt/geschwiegen, meine Thesen müssen also immer wahr sein. Nun, diese Kritik kann ich verstehen. Ich habe mir allerdings nicht die menschliche Natur/Psyche und die Reaktion von Menschen auf Kindesmisshandlung ausgedacht. Die Dinge sind nun einmal so, wie sie sind. Für viele Menschen ist es unerträglich, offen auf ihre Kindheit zurückzuschauen, das gilt erst recht für Mörder und Sadisten und ja, auch für ihre Familien.

6.

Ebenfalls längst belegt ist, dass die Folgeschäden von Kindesmisshandlung wesentlich von der Häufigkeit und Intensität der Gewalt, Alter des Kindes zum Tatzeitpunkt (je jünger das Kind, desto schlimmer die Folgen), Nähe zum Täter/Täterin (vor allem Gewalt durch Elternfiguren wirkt sehr zerstörerisch) und – auch ganz wesentlich – einem Mix an Gewaltformen und Belastungen (körperliche, sexuelle, psychische Gewalt, emotionale/ körperliche Vernachlässigung, Suchtverhalten der Eltern, Miterleben von häuslicher Gewalt, (schwere) psychische Erkrankungen eines Elternteils, Scheidung der Eltern, Trennung eines Elternteils vom Kind, Tod eines Eltern- oder Geschwisterteils + traumatische Erfahrungen außerhalb der Familie usw.) abhängen. Manche Kinder erhalten in solchen Situationen Hilfe von Außen (durch eine Oma, einen Lehrer, einem Therapeuten oder dem Kinderschutz/Jugendamt), andere erhalten nie Hilfe, auch dies wirkt sich entsprechend aus.

Je mehr zusammenkommt, desto schwerer die Folgen (und desto mehr erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch zum Täter wird). Regelmäßig habe ich bei der Analyse von Massenmördern und Diktatoren hier im Blog festgestellt, dass diese Täter nicht einfach mit Worten wie „hatte eine schlechte Kindheit“ oder „erlebte Gewalt als Kind“ zu kennzeichnen sind, sondern sie erlebten einen Alptraum von häufiger Gewalt in verschiedenen Formen, oft durch verschiedenen Bezugspersonen, über längere Zeiträume, oft seit frühster Kindheit, ohne jegliche Hilfe von Außen. Sie gehören entsprechend innerhalb der Gruppe von als Kind misshandelten Menschen zu einem kleineren Prozentsatz von besonders schwer und häufig Misshandelten.
Der Satz „die meisten Menschen, die eine schwere Kindheit hatten, werden nicht zu Massenmördern“ ist insofern auch wenig sinnvoll, weil man eher Biografien vergleichen müsste, die ähnlich massiv destruktiv waren. Ich garantiere, dass Menschen mit einer ähnlichen Kindheit wie z.B. Hitler, Stalin, Breivik oder Saddam Hussein unter extremen Folgeschäden in ihrem Leben leiden werden. Da sind wir wieder beim Anfang unter Punkt 1.

Ähnlich ist es auch bzgl. dem Vergleich von Ländern. Man kann nur tiefgehende und breite Daten über die Kindheit zum Vergleich heranziehen, keine Oberflächendaten wie „jedes ca. dritte Kind in Deutschland wird geschlagen„. Denn jedes ca. dritte Kind in Deutschland wurde geschlagen, aber sehr oft selten (ein oder zweimalig) und in Form von leichter Gewalt. Entsprechend sind die Folgeschäden auch ganz anders zu bewerten, als wenn z.B. im Nahen Osten jedes ca. vierte Kind innerhalb von 4 Wochen schwere körperliche Elterngewalt erlebt, was UNICEF herausgestellt hat.

————————————————-

Abschließend möchte ich noch ein Gedankenspiel und ein persönliches Erlebnis schildern.

Mensch stelle sich einmal eine psychotherapeutische Situation vor: Ein Patient, der vielleicht an Depressionen leidet und/oder Drogen nimmt. Im Rahmen der Therapie wird deutlich, dass der Patient eine extrem schwierige und von Gewalt geprägte Kindheit hatte. Im Laufe der Therapie wird diese Kindheit besprochen, der Patient erlebt dabei viele aufwühlende Emotionen, wird aber von dem Therapeuten gestützt und geschützt. Gemeinsam mit dem Therapeuten wird dem Patient klar, dass viele seiner Probleme aus seiner Kindheit stammen. Stetig geht es dem Patienten besser. Er fühlt sich befreit, erleichtert. Jetzt kommt jemand von außen und wirft dazwischen: „Nein, lieber Patient, Deine Kindheit kann nicht in einen Zusammenhang zu Deinen Problemen gebracht werden, denn sonst würden ja überall nur noch drogensüchtige und depressive Menschen herumlaufen! Viele Menschen haben eine schlechte Kindheit und werden nicht depressiv und drogensüchtig.“
Der Patient und der Therapeut wären mehr als erstaunt, denn für diesen Patienten sind die Zusammenhänge spürbar real. Für ihn ist es absolut irrelevant, ob andere misshandelte Menschen keine Drogen nehmen. Er fühlt sich nicht als statistische Größe und Vergleichsbeispiel, sondern als Mensch, der Probleme hat, weil er Furchtbares erlitten hat. Und die Aufarbeitung seiner Kindheit hilft ihm merklich, ihm geht es besser, Punkt.

Ergänzend ein Erlebnis, das ich vor ca. einem Jahr hatte. Eine entfernte Bekannte erzählte mir, dass es einen interessanten Vortrag zum Thema islamistischer Terror geben würde. Der Vortragende sei Experte aus Großbritannien und würde das Ganze sicher einmal verständlich machen. Ich entgegnete, dass ich dies nicht glaube. Ich sagte, dass er garantiert nicht über destruktive Kindheitserfahrungen sprechen würde. Dann erklärte ich ihr meine Sicht und berichtete von Zahlen über Kindesmisshandlung im Nahen  Osten. Es geschah nun etwas erstaunliches. Jedes mal, wenn ich über die Kindheit sprach, lenkte diese Bekannte schnell ab. Ich versuchte es einfach mit freundlichem aber beständigen Dranbleiben. Bestimmt drei mal ging das so. Sie lenkte ab, ich kam zurück zu meinem Thema, sie lenkte ab, ich kam wieder zurück zu meinem Thema. Schließlich hielt sie inne und sagte nachdenklich: „Ja, eigentlich haben Sie Recht“ (etwas, was ich selten erlebt habe). Dann ergänzte Sie, dass der Vortragende bestimmt über Kindheitserfahrungen sprechen würde. Eine Woche später traf ich sie wieder. Kindheitserfahrungen waren bei dem Vortrag kein Thema gewesen…

Quelle

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